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Seite: von 8

pivu
Senior Member


Österreich
3350 Beiträge

Erstellt am: 20.01.2004 :  14:55:42 Uhr  Profil anzeigen  Besuche pivu's Homepage  Antwort mit Zitat
Hi there,

immer öfter geistert ein Begriff durch die Medien und diverse Preislisten, ansatzweise auch in diesem Forum (u.a. in den threads zu den Themen Spontanvergärung, Heymann Löwenstein, Terroir), ohne dass es eine eindeutige Definition, verbal und substantiell, dafür gäbe: der Naturwein! Was genau ist ein Naturwein? Das Resultat einer beinahe religiösen Bewegung? Oder doch nur ein Marketinggag? Oder irgendwas dazwischen?

Was sind die Mindestkriterien für einen Naturwein? Biodynamik im Weingarten, lange Standzeiten, Spontanvergärung, lange Reifephase, schonende Verarbeitung, kaum Eingriffe im Keller. Anders ausgedrückt bewusstes Eingehen von Risiko statt reduktivem 0815-winemaking à la Geisenheim . Extreme Vertreter nutzen sogar Amphoren statt Holz oder Edelstahl und verzichten auch beim Weisswein auf jegliche Schwefelung .

Das Resultat ist ähnlich wie beim Roulette, Rouge oú Noir, oder sogar vergleichbar mit historischen Persönlichkeiten, die sich an der Grenze von Genie und Wahnsinn bewegten, mit wenig Spielraum. Wie rasch wird aus einem genialen, höchst individuellen Wein ein ungeniessbarer, fehlerhafter Wein . Ergo entziehen sich diese Weine jeglicher Punkteskala. Ein Weinfreund beschrieb die Stilistik einmal folgendermassen, dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist: "... die Weine treten viel mehr als Ganzes auf, nicht so als Ansammlung von Frucht, Säure, Mineralien etc. in Alkohol aufgelöst. Es stehen gelbe statt grüne Aromen im Vordergrund. Solche Weine haben geradezu eine seidige Textur und kleiden den ganzen Gaumen aus. Die Weissweine wirken mehr wie weisse Rotweine. Selbst beim jungen Riesling wirkt die Säure schon integriert. Diese Weine gehen viel mehr in die dritte Dimension.

Am besten klappt vielleicht der Vergleich mit Gemüse, also die selbe Sorte mal als Salat, mal als Gemüse bereitet. Moderner Wein ist wie Salat, roh, knackig. Naturwein ist wie Gemüse (nicht englisch totgekocht) und zwar noch mit Biss und mit ein oder zwei (und zwar genau den passenden) Gewürzen, die den Eigengeschmack noch mehr hervorkitzeln bzw. ergänzen.

Diese Weine erscheinen mir auch viel weniger anstrengend auf die Geschmacksnerven, weil sie eben schon vorgekocht statt roh wirken."


Als aktuelle Empfehlungen will ich La Biancara im Veneto, Edoardo Valentini in den Abruzzen, Massa Vecchia in der Toskana und last not least Josko Gravner als Vorreiter und Primus inter Pares dieser Entwicklung in Italien nennen. In Frankreich wird diese von Nicolas Joly und vielen anderen an der Loire angeführt, beinhaltet aber mehr idelogische Elemente. In Mitteleuropa sind vielleicht Reinhard Löwenstein und van Volxem in D, bzw. Sepp Muster und Nikolaihof in Ö am bekanntesten. Allesamt grosse Winzerpersönlichkeiten, die dem Terroirgedanken Rechnung tragen. Und die Fangemeinde auf Anbieterseite wird laufend grösser, unterstützen wir sie .

Ciao
Peter

Bearbeitet von: pivu am: 20.01.2004 15:03:10 Uhr

Weinreporter
Administrator

Deutschland
7008 Beiträge

Erstellt  am: 20.01.2004 :  15:16:09 Uhr  Profil anzeigen  Besuche Weinreporter's Homepage  Antwort mit Zitat
Hallo Peter,
ein Blick in Weinbau Lexikon von 1930 bringt Aufklärung zumindest für Deutschland.

Naturwein = Naturreiner Wein. Dort definiert als Wein, dem irgendwelche andere Stoffe, als sie zur Kellerbehandlung notwendig sind, nicht zugesetzt worden sind. Sie dürfen insbesondere keinen Zucker oder Zuckerwasserzusatz erhalten haben.

Soweit die Defintion dieses alten Begriffes.

Um diesen Begriff zu propagieren und zu schützen hatte sich im November 1910 in Koblenz der Verband Deutscher Naturweinversteigerer gegründet, der Vorläufer des heutigen VDP.

Über diesen Verein heisst es im Weinbau Lexikon:

Der Verband Deutscher Naturweinversteiger hat den Zweck, den naturwein zur Geltung zu bringen und zu schützen, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten, sowie einheitliche Versteigerungs- und Verkaufsbedingungen festzusetzen. Die Mitglieder des Verbandes dürfen satzungsgemäss nur naturreine Weine eigenen Wachstums versteigern oder verkaufen.

Soweit der konkrete historische Hintergrund. Wein man noch weiter zurückgeht, hatte "Reinwein" eine andere Bedeutung. Es war der reine unverfälschte beste Wein bzw. Most, der aus dem Bottich für die Herrschaft abgelassen wurde.

Gruss Mario Scheuermann
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Markus Vahlefeld
Administrator

Deutschland
1426 Beiträge

Erstellt  am: 20.01.2004 :  16:02:51 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hi Peter @all,

ich weiss gar nicht, ob der Begriff "Naturwein" so glücklich ist. Diese Art Begriffe werden heute als Waffen des Marketing eingesetzt und mir persönlich geht dieser Einsatz ein wenig auf die Senkel (ich weiss, Peter, dass Du kein Marketing betreiben willst). Wenn ich an HL-Weine denke, denke ich an viel mehr als an "Naturwein".

Die von Dir genannten Winzer und Weine vereint IMHO folgendes:

- die Winzer sind bemüht, das, was wir technischen Fortschritt nennen, gar nicht oder nur sehr minimal einzusetzen.

- Innerhalb dieses Minimalismus' wird experimentiert. Daher schmecken die Weine oft nicht nur jahrgangsbedingt unterschiedlich, sondern die Stilistik ändert sich auch zuweilen

- es sind keine "Luxusweine". Die Preise sind zwar recht hoch, aber als Käufer habe ich den Eindruck, dass von dem Geld ein höherer Prozentteil wirklich aus den Gestehungskosten des Weins und nicht aus dem "overhead" (Werbung, Marketing, Vertrieb etc.) herrührt

- meist stammen diese Weine auch nicht aus jahrhundertealten, von Generation zu Generation weitergegebenen Schloss- und Traditionsweingütern, sondern aus kleineren oftmals bewusst neugegründeten Einheiten, die ihre "Bruch mit der (falschen) Tradition" auch nicht verleugnen

- die Winzer verstehen sich nicht nur als ruhige Spezialisten auf ihrem Gebiet, sondern haben einen sozialen Anspruch/Hintergrund und "mischen sich ein"

- die Weine spiegeln zwar das Terroir wider, aber dieses Terroir ist unmisverständlich interpretiert von der Winzerpersönlichkeit. Der Winzer betont zwar ständig das Terroir, aber merkwürdigerweise ist ER es, der im Wein aufscheint

- trotz dem Bekanntheitsgrad der Weine und des Winzers schaffen es beide nicht, interessant für "Trophäenjäger" zu sein. Die Weine polarisieren und eignen sich zum "Luxus-Hedonismus" weniger (sowohl was ihre Stilistik als auch ihre PR angeht)

- Die Weine polarisieren, weil sie "schwierig" sind; man kann sie mit Theaterschauspielern vs. TV-Schaupsieler vergleichen. Ein Theaterschauspieler kann genial sein, aber er hat oftmals auch verdammt schlechte Tage. Das ist erschütternd anzuschauen, wenn eine grosse Figur auf der Bühne steht und einfach nichts gelingen will. Böse Zungen behaupten dann, der Schauspieler wäre schlecht. Im TV ist es einfacher: an schlechten Tagen fällt die Klappe eben nicht nur 5mal sondern 15mal, bis der take im Kasten ist. Und der Film ist dann ewig reproduzierbar. Und diese Art der Unvorhersehbarkeit, Überraschung und Willkür, die von den Weinen ausgeht, ist einfach nicht "modern"

- Ähnlich wie mit Theater vs. TV verhält es sich auch bei den Konsumenten. Richard Gere toll zu finden, ist etwas für Teenies ("Infantilisierung"). Sophie Rois dagegen etwas für "Insider" und "Trendsetter"
So eignen sich diese Weine nicht als Trophäen und trotzdem erkennen sich die "wahren Kenner" stillschweigend an ihnen

Zu den Weinen später mehr


Markus Vahlefeld
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pivu
Senior Member

Österreich
3350 Beiträge

Erstellt  am: 20.01.2004 :  16:42:06 Uhr  Profil anzeigen  Besuche pivu's Homepage  Antwort mit Zitat
Hallo Markus,
Zitat:
Original erstellt von: Markus Vahlefeld

ich weiss gar nicht, ob der Begriff "Naturwein" so glücklich ist. Diese Art Begriffe werden heute als Waffen des Marketing eingesetzt und mir persönlich geht dieser Einsatz ein wenig auf die Senkel (ich weiss, Peter, dass Du kein Marketing betreiben willst). Wenn ich an HL-Weine denke, denke ich an viel mehr als an "Naturwein".
ich weiss, mir geht's ähnlich, vielleicht finden wir im Lauf der Debatte einen geeigneteren Begriff (, den wir uns selbstverständlich schützen lassen ). In jedem Fall möchte ich darunter mehr verstehen, als die parallel mit dem Aufschwung der Grünen aufkommenden 'Bio-Weine', die dann tatsächlich hauptsächlich grün schmeckten . Und auch mehr, als nur einen "naturreinen" Wein analog zu Mario Scheuermanns historischer Interpretation. Vielleicht gibt es im Französischen oder Italienischen passendere Begriffe, die übertragbar sind.
Zitat:
[...] die Weine spiegeln zwar das Terroir wider, aber dieses Terroir ist unmisverständlich interpretiert von der Winzerpersönlichkeit. Der Winzer betont zwar ständig das Terroir, aber merkwürdigerweise ist ER es, der im Wein aufscheint
damit bist Du mitten in der Terroirdebatte, und selbstverständlich ist er Bestandteil des Terroirs. Deine Anmerkung ist nur die Bestätigung dafür (bitte dort weiterdiskutieren) .

Zitat:
Die Weine polarisieren, weil sie "schwierig" sind; man kann sie mit Theaterschauspielern vs. TV-Schaupsieler vergleichen. Ein Theaterschauspieler kann genial sein, aber er hat oftmals auch verdammt schlechte Tage. Das ist erschütternd anzuschauen, wenn eine grosse Figur auf der Bühne steht und einfach nichts gelingen will. Böse Zungen behaupten dann, der Schauspieler wäre schlecht. Im TV ist es einfacher: an schlechten Tagen fällt die Klappe eben nicht nur 5mal sondern 15mal, bis der take im Kasten ist. Und der Film ist dann ewig reproduzierbar. Und diese Art der Unvorhersehbarkeit, Überraschung und Willkür, die von den Weinen ausgeht, ist einfach nicht "modern"
Das ist ein sehr schöner Vergleich, und machen gerade diese Pannen einen Schauspieler nicht auch interessanter? (Wenn Gert Voss zu improvisieren anfängt? Oder noch besser der unvergessene Oskar Werner, wo am Ende die Pannen - auch weinbedingt - überhand nahmen?) Bestimmt jedoch populärer .

Warum gehen wir ins Theater, wohl auch wegen der Schauspieler. Warum schau ich mir den Tatort o.ä. an, wohl kaum wegen irgend einer schauspielerischen Leistung, eher aus Langeweile oder zur Entspannung. Und ganz ähnlich verhält es sich mit dem Zugang zum Naturwein bzw. zu einem herkömmlichen Wein.

Ciao
Peter


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zin
Advanced Member

Deutschland
174 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  10:32:53 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hi Peter,

schön, daß mein Zitat Dir geholfen hat, Deinen Auftaktbeitrag zu gestalten. Ein Teil meiner Notizen scheint also langlebiger als Ablage "P" zu sein ;-).

@ Markus,
den Vergleich mit Theater- / TV-Schauspieler finde ich sehr treffend. Zusätzlich möchte ich einbringen, daß Naturweine (oder wie immer wir sie nennen mögen) z. B. von H-L so etwas wie Trapeznummern ohne Netz sein könnten. Trotz "ohne" haut's aber niemand vom Stangerl. Das ist wie bei modernen Käsereien mit pasteurisierter Milch. Da wird viel leichter geschlampt, weil ja nicht so viel passieren kann. Der Rohmilchkäser riskiert dagegen seinen Ruin, wenn er nicht sauber, umfassend und weitblickend arbeitet.

Bei extremeren Ausprägungen (Amphoren) vermisse ich allerdings das Netz etwas. Da bin ich mir über Stabilität / Langlebigkeit noch nicht so klar und fühle mich ein bißchen wie ein Versuchskaninchen (und zwar eines, das die Versuche auch noch selbst bezahlt - das hat noch nicht einmal die Pharmaindustrie geschafft ,-)). Klar, wenn man Neues erleben will und sein Geschmacksspektrum erweitern will, muß man auch Risiken eingehen. Dazu bin ich auch bereit, im Rahmen der "kontrollierten Offensive", wie Otto Rehhagel es genannt hat. An ein weitgehend anderes Geschmacksspektrum muß man sich auch erst gewöhnen. Das erste Guinness (das richtige bittere Extra Stout in der Flasche, nicht die süße Faßvariante) war auch alles andere als ein Vergnügen. Da muß man durch, aber es fällt manchmal auch sehr schwer.

Wer Naturweine erzeugt, muß eben viel mehr in die Natur hineinhören. Das hat nichts mit Serienproduktion mit nur leicht veränderten Jahrgangsparametern zu tun. Dabei braucht es auch so etwas altmodisches wie Demut, daß man eben nicht der geniale Winemaker ist, der einen Wein entwirft wie ein Modedesigner ein Kleid. Dazu braucht es erst mal persönliche Größe, um sich zurückzunehmen. So weit verbreitet ist das nicht und schon gar nicht in Zusammenhang mit weinbäuerlichem Können. Bei Biowinzern habe ich manchmal das Gefühl, daß sie vor lauter "Auf der richtigen Seite stehen"-Ideologie etwas das Endprodukt aus den Augen verlieren. Zu viel Ideologie kann blind machen.

Eines an Naturweinen schätze ich besonders: Es reicht eben nicht, sich die Weine kaufen und leisten zu können, sondern man muß viel Zeit und Muße einbringen, um sie zu verstehen. Man hat dann aber persönlich mehr davon, wenn man sich das Geheimnis der Weine nach und nach erschließt, ja, regelrecht erarbeitet. Der vordergründige Genuß ist eben sehr vergänglich.
Paul Draper von Ridge Vineyards möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt noch erwähnen. Seine Weine sind vielleicht kaum extrem (allenfalls vielleicht der weiße Monte Bello), aber ihre wahre Größe bleibt durch ihre Eleganz und ihr Understatement so manchem verborgen.

Bei Gravner (von seiner jetzigen Stilrichtung habe ich noch nix getrunken) weiß ich allerdings nicht, wie er sich entwickeln wird. Er hatte eine Barrique-, Inox- und jetzt eine Amphorenphase. Schwarz oder weiß. Es würde mich nicht wundern, wenn bald etwas ganz anderes käme. Da kann ich persönlich mich mit dem sich kontinuierlich verändernden Stil von H-L besser anfreunden.

Helmut

Bearbeitet von: zin am: 21.01.2004 10:35:14 Uhr
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pivu
Senior Member

Österreich
3350 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  11:31:00 Uhr  Profil anzeigen  Besuche pivu's Homepage  Antwort mit Zitat
Hi there,

vielleicht muss man beim Naturwein unterscheiden zwischen der Entstehung und dem Weinerlebnis selbst, also der Wahrnehmung durch den Konsumenten. Zum Entstehen habe ich oben einige Punkte angeführt, die m.E. erfüllt sein sollten, um in die (fiktive) Kategorie Naturwein eingereiht zu werden. Der Weingenuss selbst ist durchaus vergleichbar dem von hochwertigen gereiften Weinen mehr oder weniger herkömmlicher Machart (z.B. reife Bordeaux oder reife Smaragde), die ihren Babyspeck und sämtliche vordergründige Frucht abgelegt haben, dafür mit Sekundär- und Tertiäraromen beeindrucken, und denen man sich mit grösster Demut und gehöriger Ehrfurcht annähert.

So schmecken echte Naturweine auch kaum jemals primärfruchtig, sind also nichts für das Gros der Jungweintrinker und Trophäenjäger, sondern eher was für einige wenige Freaks, und damit hinsichtlich ihrer Popularität automatisch noch limitiert.

Ciao
Peter
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Deutschland
2266 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  12:00:23 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Ganz ehrlich halte ich von dieser Ideologisierung des Weintrinkens sehr wenig. Das auch die hier als "Naturweine" propagierten Weine nicht dadurch entstehen, dass die Beeren runterfallen und vergären haben schon andere vor mir gesagt.

Wenn dann mit Amphorenvergärung angefangen wird und ich dann im Hinterkopf einen faszinierenden Bericht von Werner Elflein neulich im W+-Forum über den Pico lese, dann frage ich mich, warum es "natürlicher" sein soll, Amphoren in einem Tomatenbeet einzubuddeln als Weine z.B. in getoastetem Barrique auszubauen.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich finde solche Ideen hochinteressant und würde solche Weine, wenn ich sie sehen würde sofort probieren wollen. Aber das ganze jetzt auf eine ideologische Ebene hochhiefen würde ich nicht wollen.

Das gilt entsprechend genauso für "Terroirweine". Nur weil mir die Weine und die Betriebsphilosophie von H-L so gefällt muss ich nicht zwanghaft eine ideologische Bewegung darum aufbauen. Letztlich sind die Weine doch noch in erster Linie von der Handschrift des Winzers und der kleinklimatischen Bedingungen ihrer Herkunft geprägt.

Viele Grüße
Alexander
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pivu
Senior Member

Österreich
3350 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  12:28:09 Uhr  Profil anzeigen  Besuche pivu's Homepage  Antwort mit Zitat
Hallo Alexander,

also die Ideologen (oder Total-Verrückten ) sind doch schon noch die Ausnahme. Ich kann z.B. auch nicht verstehen, was es bringt, z.B. Hundeknochen im Weinberg zu vergraben, wie es Nicolas Joly macht, bzw. noch schlimmer, glaubt, machen zu müssen. Die meisten hier Genannten und viele andere, die ähnliche Experimente wagen, sind vielmehr am Endprodukt interessiert bzw. davon überzeugt und sehen die ganze Sache als persönliche Herausforderung, neue Wege zu gehen abseits jeglicher Ideologie. Und längst nicht alle Exponenten haben identische Ansichten, im Gegenteil, so sind z.B. Stanko Radikon und Gérard Gauby gänzlich anderer Ansicht bzgl. oxidativer Prozesse während der Weinwerdung (bitte fragt mich nicht nach Details).

Das mit den Amphoren würde ich nicht überbewerten, den von Dir genannten Pico gibt's z.B. noch gar nicht als Amphorenwein (ich glaub' sogar, dass der 00er Jahrgang ist im Erdreich versickert ist ). Der Hintergrund liegt ausschliesslich darin, dass der Ton der Amphoren - und da gibt's im Prinzip die gleichen Unterschiede wie bei Barriqes (z.B. Nevers vs. amerikaniche Eiche), nur dass sie wie bei La Biancara nicht durchlässig sein sollten - eine bestimmte Zusammensetzung haben muss, damit die Mineralien aus dem Ton den Wein mikrobiologisch und chemisch stabilisieren. Als weitere Steigerung der eh schon sehr oxidativen Machart.

Ciao
Peter
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Senior Member

Deutschland
2266 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  13:06:38 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hallo Peter,

die Sache mit dem Pico fiel mir jetzt auch nur so spontan ein. Den Thread bei Weinplus habe ich auch so nebenbei verfolgt.

Ich bezog mich auch weniger auf die Winzer. Die sollen ja ruhig verrückt sein und meinetwegen auch einer Naturweinideologie folgen. Solange die Weine gut und interessant sind, ist mir das recht.

Wobei ich vermute, dass viele dieser Winzer nicht "Total-Verrückt" sind, sondern einfach nur clever sind und wissen, dass sie mit einer bestimmten Masche ("Philosophie"), die sie im Augen der Kunden von der breiten Masse der Winzer abhebt und individualisiert einfach eine viel höhere Aufmerksamkeit erregen.

Was ich weniger nachvollziehen kann (oder wessen ich mich einfach nicht anschließen kann und will) sind ideologische Verbrämungen von Wein, wie sie z.B. beim Thema Terroir durchklangen oder eben beim Naturwein, die ich bei einigen Beiträgen herauszulesen meine.

Viele Grüße
Alexander
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zin
Advanced Member

Deutschland
174 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  13:10:03 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hi zusammen,

einen schlüssigen Begriff zu finden ist sicher schwer, da die Grenzen der Weine und Methoden fließend sind. Jean-Paul Brun im Beaujolais nennt einen Teil seiner Weine nach "Methode Ancienne". Allerdings fanden seine Kollegen das nicht so lustig. Zumindest haben bestimmte Händler viele von uns mit dem Schlagwort "Naturwein" und einem Großteil der Weine recht neugierig gemacht. Da gerade Versandhändler nicht ohne verbale Umsetzung auskommen, müssen sie auf diese Weise auch den Topf ans Kochen bringen bzw. am Kochen halten. Und wir spielen im Augenblick auch mit ;-)!

Wie lange ist eigentlich die Mindeststandzeit der Maische, damit die eigenen Hefen von der Schale ihr Werk vernünftig beginnen können? Gibt's da eine klare Antwort oder heißt es auch hier "Das kommt darauf an"?

Kennt jemand die aktuellen Weine von Girolamo Dorigo in Buttrio (Friaul)? Dieser hatte schon mit dem Jahrgang 1990 Erfahrung mit Maischestandzeiten. Mal schau'n, ob ich noch verwertbare Notizen finde.

Helmut
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Markus Vahlefeld
Administrator

Deutschland
1426 Beiträge

Erstellt  am: 21.01.2004 :  14:08:51 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hi Peter @all,

ich würde auch nicht behaupten wollen, dass Joly ein Total-Verrückter sei. Er mag zwar Hundeknochen vergraben, aber diese Aussage ist ziemich irrelevant, wenn sie so dermassen aus dem Zusammenhang gerissen wird. Joly ist halt Bio-Dynamiker nach Rudolf Steiner und da gehören Präparate eben dazu. Übrigens gehört die gute Bize-Leroy auch zu diesem "Total-Verrückten" (und viele, viele mehr von den besten Winzern der Welt). Wir als Nicht-Winzer und Nicht-Landwirte sollten IMHO sehr vorsichtig sein, das, was wir nicht verstehen können oder wollen, zu verunglimpfen, nur weil es in unsere Denkgewohnheit nicht hineinpasst.

In der Landwirtschaft im allgemeinen und dem Weinbau im besonderen gibt es die Richtung der "Tradition" und die der "Erneuerung". Das interessante ist doch, dass die Entwicklung der Tradition uns linear in den ökologischen Raubbau getrieben hat. Überdüngung und der überhöhte Einsatz von Pestiziden ist ja gerade Teil der Tradition. Gegen diese Entwicklung haben sich die "Erneuerer" gewandt und jeden Schritt, den sie gingen, hinterfragt und mit ihrem Bewusstsein neu gegriffen. Natürlich kann das schlimmstenfalls in die Ideologie führen, aber wir sollten nicht meinen, dass die "Traditionellen", die mit dem Strom der industriellen Entwicklung schwimmen, keine Ideoelogie hätten. Wir nehmen sie nicht mehr bewusst wahr, weil es so "normal" ist. Aber ihre implizite weil angewandte Ideologie ist nicht weniger fragwürdig (was aber jeder für sich selbst entscheiden muss).

Für mich entscheidend bleibt das Endprodukt. Und Jolys Weine sind so dermassen "outstanding" und "genial", dass ich einen Teufel tue, entweder inbrünstig oder verachtend darauf hinzuweisen, er vergräbt Hundeknochen im Wingert. (Im Gegensatz zu dem Tomatentönen im Pico schmeckts man ja auch nicht )

Wobei interessanterweise sowohl Joly als auch Leroy für mich die Grenze zu dem, was ich Naturwein nennen würde, überschreiten, weil ihre Weine schon so etwas wie Trophäencharakter besitzen (bei Leroy definitiv). Sie waren halt die ersten, die auf Bio-Dyn umstiegen und haben jetzt einen sehr langjährigen und kontinuierlichen Stil entwickelt.

Irgendwie gehört bei mir zum Begriff Naturwein, dass die langjährige Linie im Stil noch nicht vollkommen gefunden wurde oder der Prozess des Findens noch in Entwicklung ist.

Übrigens: Martin Kössler erzählte, dass auch 2001 (oder 2002?) kein Amphorenwein von La Biancara in der Verkauf käme, weil es Schwierigkeiten mit der Stabilität des Weins gab/gibt. Halt ein Experiment!

Viele Grüsse

Markus Vahlefeld
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